Kurze Geschichte der Genossenschaft
Kraftwerk1

 

Was geschieht, wenn eine Utopie plötzlich real wird? Im Grunde wusste ja niemand, ob das Idealbild des Zürcher Wohnprojekts Kraftwerk1 jemals eine gebaute und gelebte Gestalt annehmen würde. Neue Formen des Zusammenlebens sollten erprobt werden, offen, ökologisch und sozial, solidarisch und der gesellschaftlichen Vielfalt verpflichtet.

Zürich in den 80-iger Jahren, das hiess fehlender kostengünstiger Wohnraum, zunehmender Durchgangsverkehr und eine Innenstadt mit immer mehr Büros und Ladenketten. Die Opernhauskrawalle, die sich am 80-Millionen-Franken-Kredit für Hochkultur und gleichzeitig fehlender Unterstützung für Jugendkultur entzündet hatten, rüttelten an den bürgerlichen Strukturen. Im Gemeinderat politisierte seit 53 Jahren das erste Mal wieder eine rechte Mehrheit und um die neue Bau- und Zonenordnung, bei der die SP-Stadträtin Ursula Koch die Federführung hatte, wurde jahrelang mit Vehemenz und Härte  gekämpft. Auf Bundesebene sorgten die Fichenaffäre und die Europapolitik für Misstrauen. In diese Zeit hinein wurde die Kraftwerk1-Idee geboren. Verkrustetes aufbrechen, Strukturen neu denken und etwas wagen. Wer bestimmt, was in der Stadt passiert? Wem gehört die Stadt? Wer darf welche Räume nutzen und gibt es neue Formen des Zusammenlebens? P.M schlug in bolo'bolo eine Alternative zum Bestehenden vor. Am 22.11.1983 um halb neun lagen etwa vierzig Leute im Dunkeln der Buchhandlung Paranoia City auf dem Rücken auf dem Boden. Ein Stimme ab Tonband lud sie ein, abzuheben und Zürich von oben zu betrachten. Wie die Stadt ist. Wie sie sein könnte. Eine selbstironische Performance bei der zum Schluss die ersten Exemplare von bolo'bolo aus dem Trockeneisnebel auf die Gäste nieder regneten. Ein bolo, ein Haus gross wie ein Quartier, als Basis-Gemeinschaft für Autonomie und Gastfreundschaft, wo Räume und Ressourcen geteilt werden, inklusive eigener Währung. Aufgehoben sein und aufbrechen. Im Mai 1992 nahmen die Zürcher Stimmberechtigten nach einem heftig geführten Abstimmungskampf die neue Bau- und Zonenordnung an. Weil gegen 500 Rekurse die Inkraftsetzung verunmöglichten, griff der kantonale SVP- Baudirektor Hans Hofmann 1995 überraschend und rigoros durch und verfügte die "BZO Hofmann". Sie zonte vor allem in den Eintwicklungsgebieten im Norden und Westen der Stadt radikal auf und öffnete die Industriezonen auch für den Dienstleistungssektor, welcher höhere Landpreise zahlen konnte als das Gewerbe. Ein Entscheid, der die Ziele der Stadt massiv unterlief, in dem er unter anderem auch die Wohnanteilvorschriften abschwächte und das Gewerbe verdrängte.

Der Kraftwerk1-Sommer

1995 bauten junge Städter_innen in der Shedhalle das Gerüst der idealen Siedlung mit Grosshaushalten auf, bewohnten diese Installation während eines Monats und luden zur Sofa-Universität ein. Ein Stadtlabor mit Ausstrahlung. Die Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 wurde gegründet.

Erste Baulandverhandlungen wurden mit Sulzer-Escher-Wyss geführt, mit dem Projektteam für das Steinfels-Areal, mit der Familie Albers über das Schoeller- bzw. Limmatwest-Areal. Es gab positive Zeichen, Rückschritte, Flops.

Als Zürich West noch nicht "angesagt" war

Nach fast 30 Jahren behaglicher und selbstzufriedender Hochkonjunktur explodierte nun die Krise. Die Immobilienblase zerschellte. Die Zinsen waren lange Jahre tief gewesen. Die Banken hatten in ihrem Umsatzwettbewerb  sehr locker Kredit für Wohnimmobilien vergeben. Der Boden war knapp. Bis 1990 hatten sich die Preise für Einfamilienhäuser verdoppelt. Schliesslich drehte die Nationalbank den Geldhahn abrupt zu. Der Immobilienmarkt stürzte ab. Die Wirtschaft geriet in eine Rezession. In dieser Zeit entschieden sich  Oerlikon-Bührle und Kraftwerk1 dafür, das Projekt gemeinsam zu realisieren. Seitens der Genossenschafter_innen gab es allerdings einige Bedenken: wegen der Zusammenarbeit mit Oerlikon-Bührle etwa und wegen des «abgelegenen» Standorts im 1998 noch überhaupt nicht angesagten Zürich West. Das Projekt war nun angekommen in der schmutzigen Realität. War doch der Waffenproduzent (heute Allreal) ein traditionelles Hassobjekt der Linken. Noch viel mehr Bedenken zeigten die Banken. Die Kraftwerk1-Genossenschaft arbeitete einen Vertrag mit der Grundstückbesitzerin und Generalunternehmung Allreal aus.  Die Finanzierung der Siedlung gelang erst auf den letzten Drücker und nicht zuletzt dank einem privaten Darlehen über zwei Millionen Franken. Für das Gelände existierte bereits ein Projekt in den Dimensionen der heutigen Bebauung. Es musste aber erst an die räumlichen Konzepte von Kraftwerk1 angepasst werden. Die Kosten für das Land betrugen 10 für den Bau 50 Millionen Franken. Ab 1998 wurde gebaut.

So entstand die Siedlung Hardturm mit 100 Wohnungen in vier Häusern und rund 100 Arbeits- und Büroplätzen.  Und die Möglichkeit, verschiedene Wohn- und Lebensformen unter einem ökologisch vernünftigen Dach zu haben, darunter die ersten Gross-WG-Wohnungen der Schweiz in einem Neubau. Haus A war ausserdem das erste grosse Minergie-Haus der Schweiz. Natürlich gab es Abstriche und Kompromisse: sogar gegenüber der nüchternen Projektskizze von 1995 . Kleiner als ein bolo kann es zum Beispiel die kollektive Existenz nicht sichern. Das Restaurant war keine riesige, für 24 Stunden offene und auf privater Basis geführte Küche für Nicht-Köche. Es gab keine Wohnungen, welche im Rohbau übergeben wurden.

Trotzdem sind viele Ideen aus dem Ursprungsprojekt Realität geworden: die solidarische Unterstützung von weniger Verdienenden bei Miete und Genossenschaftskapital etwa, der Hausladen «Konsumdepot», die gemeinschaftlich genutzten Räume wie die Pantoffelbar oder der Dachraum, die Werkstatt und das Gästezimmer, die Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsprojekt «Ortoloco», der Einsatz für das Quartier mit dem Engagement gegen das «Shoppingstadion» Hardturm, dazu Arbeitsgruppen zu allen möglichen Themen. Seit dem Bezug 2001 haben die rund 250 BewohnerInnen und rund 90 Gewerbetreibenden sich in der Siedlung  organisiert, vieles aufgebaut, Feste gefeiert, aber auch feststellen müssen, dass die Anfangseuphorie und das damit verbundene Engagement der Bewohner_innen über die Jahre nicht immer gleich gross ist, dass das Zusammenleben und sich Zusammentun ein konstanter Prozess ist. Mit Auf und Abs.

Die Erfahrungen mit der Siedlung Hardturm sind in die zweite Kraftwerk1-Siedlung im Höngger Heizenholz eingeflossen. Hier hat die Genossenschaft 2008 im Baurecht ein Grundstück von der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime erworben. Die beiden bestehenden Gebäude wurden umgebaut und mit einem Erweiterungsbau in der Mitte sowie einer «Terrasse commune» zu einem Ganzen verbunden. Seit Anfang 2012 leben hier rund 85 Personen in 26 Wohneinheiten. Sie haben sich organisiert und ihr eigenes «Hausbuch» – beruhend auf den Statuten und der Charta von Kraftwerk1 – geschrieben.

Partizipation: aus Erfahrung lernen

Die Autorin Esther Spinner ist eine von ihnen; sie ist aus der Siedlung Hardturm ins Heizenholz umgezogen und war Co-Leiterin der partizipativen Begleitgruppe der Siedlung Heizenholz: «Die Begleitgruppe ist am Anfang als Inputgeberin für das neue Projekt sehr wichtig», schildert sie ihre Erfahrungen: «Dann wäre es besser zu pausieren, bis der Bezug näher rückt. Sonst gibt es zu viele Wechsel in der Gruppe, weil viele Leute nur mitmachen, um abzuklären, ob das Projekt ihrem Wohnbedarf entspricht. Für die Siedlung Zwicky-Areal sollte man den partizipativen Prozess überdenken.»

Nach dem Rückschlag mit dem Siedlungsprojekt Kulturpark am Turbinenplatz – die Kaufverhandlungen für das Areal wurden 2011 wegen «zu hoher finanzieller Risiken» abgebrochen – hat die Genossenschaft auf dem Zwicky-Areal in Dübendorf 125 Wohneinheiten gebaut, welche bereits mehrfach ausgezeichnet worden sind  (Gute Bauten Kanton Zürich, Goldener Hase von Hochparterre, Umsicht-Regards-Sguardi vom sia). Das neueste Projekt von Kraftwerk1 ist nun das Koch-Quartier, welches 2023 bezogen werden soll. Im Team mit den Bauträgern ABZ und Senn entwickelt Kraftwerk1 gemeinsam mit dem Quartier und für das Quartier kostengünstige Wohnungen für alle Lebensphasen.

Entflechtung zwischen operativem und strategischem Bereich

Wachstum bedeutet auch immer Veränderung – darum haben sich Genossenschaftsführung und Geschäftsleitung mit dem Schritt vom Ein- zum Mehrsiedlungsprojekt stark verändert. Seit 2001 gab es eine weitgehende Entflechtung zwischen dem operativen und dem strategischen Geschäft.

Die Geschäftsstelle, im operativen Bereich tätig, wurde mit dem Wachstumsprozess ausgebaut und ist seit 2010 einem Geschäftsführer unterstellt. Mit dem Wachstum sind ausserdem Themen wie das Verhältnis der einzelnen Siedlungen zur gesamten Genossenschaft sowie Organisation und Autonomie der Siedlungen wichtig geworden. Der 2016 gegründete Kraftwerk1 Rat setzt sich aus Bewohner_innen, einer Vertretung aus dem Vorstand und einer Vertretung der Geschäftsstelle zusammen und sorgt für die Vernetzung und den Austausch zwischen den einzelnen Siedlungen.