Kurze Geschichte der Genossenschaft
Kraftwerk1

Bettina Büsser 

Vom Projekt zur ersten realen Siedlung war es ein weiter und nicht einfacher Weg. Seither hat sich Kraftwerk1 vom Ein- zum Mehrsiedlungsprojekt entwickelt – und sich dabei stark verändert.

Wohlgroth, Karthago, Stauffacher – Anfang der neunziger Jahre gab es in Zürich viele Projekte für ein anderes Wohnen, Arbeiten und Zusammenleben. Manchmal fanden sie ein abruptes Ende: Abbruch. Das Projekt Kraftwerk1 hat überlebt. Allerdings nicht ganz in der Form, die die drei Verfasser der Broschüre «KraftWerk1. Projekt für das Sulzer-Escher Wyss Areal» 1993 entwickelten. Andreas Hofer, Architekt und Mitglied der linken «Konzeptgruppe Städtebau», der Künstler Martin Blum und der Autor P.M., der 1983 mit seinem «'bolo'bolo» eines der «Grundlagenutopiewerke» über nichtkapitalistische, selbstbestimmte Gemeinschaften schrieb, entwarfen auf dem Areal von Sulzer-Escher-Wyss ein Wohn- und Arbeits-Gebilde für 700 Menschen: gemeinschaftlich, selbstorganisiert, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig, eine Alternative zu den damals gängigen monofunktionalen Büro- und Wohnprojekten, aber auch zum kapitalistischen Wirtschaftssystem.

Ein Kraftwerksommer und erste Arbeitsgruppen

Die Idee traf einen Nerv. «Die Broschüre wurde in 700 Exemplaren gedruckt und enthielt einen Optionsschein», erzählt Andreas Hofer, «innert kürzester Zeit wurden Hunderte dieser Scheine eingeschickt.» Im Herbst 1993 wurde der Verein «KraftWerk1» gegründet. Um das Projekt bekanntzumachen, wurde 1994 der «KraftWerkSommer» im Schöller-Areal, 1995 eine Wohnaktion in der Roten Fabrik veranstaltet. Es wurde diskutiert, geplant, erste Arbeitsgruppen wurden gebildet, Kontakte geknüpft.

Und man suchte nach dem Gelände, auf dem die erste Kraftwerk1-Siedlung gebaut werden sollte. Dass es sich dabei um eine Industriebrache handeln sollte, war gesetzt. Nachdem 1995 die Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 gegründet worden war, verhandelte man mit Sulzer-Escher-Wyss, mit dem Projektteam für das Steinfels-Areal, mit der Familie Albers über das Schoeller- bzw. Limmatwest-Areal. Es gab positive Zeichen, Rückschritte, Flops.

Gespräche gab es auch mit der Immobilienabteilung der Oerlikon-Bührle Holding AG, dabei stiess man auf das Areal, auf dem die Siedlung Hardturm heute steht. Für dieses Gelände existierte bereits ein Projekt in den Dimensionen der heutigen Bebauung. Es musste aber erst an die räumlichen Konzepte von Kraftwerk1 angepasst werden.

Als Zürich West noch nicht «angesagt» war

Oerlikon-Bührle und Kraftwerk1 entschieden sich dafür, das Projekt gemeinsam zu realisieren. Seitens der GenossenschafterInnen gab es allerdings einige Bedenken – wegen der Zusammenarbeit mit Oerlikon-Bührle etwa und wegen des «abgelegenen» Standorts im 1998 noch überhaupt nicht angesagten Zürich West. Noch viel mehr Bedenken zeigten die Banken: Die Finanzierung der Siedlung gelang erst auf den letzten Drücker und nicht zuletzt dank einem privaten Darlehen über zwei Millionen Franken.

So entstand die Siedlung Hardturm mit 100 Wohnungen (das PWG-Haus dazugerechnet), darunter die ersten Gross-WG-Wohnungen der Schweiz in einem Neubau. Haus A war auch das erste grosse Minergie-Haus der Schweiz. Dem Vergleich mit dem ursprünglichen Projekt kann die Siedlung jedoch nicht standhalten: «Sie ist kleiner, sozial weniger kooperativ, sichert nicht, wie vorgesehen, die kollektive Existenz, hat keinen landwirtschaftlichen Teil und ist ein Solitär», sagt P.M. Doch Kraftwerk1 sei eben in die Avantgardefalle getappt: «Wenn das erste Projekt allein ist, müsste man damit alles beweisen. Das geht nicht.»

Mit Ortoloco und Konsumdepot, ohne Shoppingstadion

Einige Ideen aus dem Ursprungsprojekt sind dennoch Realität geworden: solidarische Unterstützung von weniger Verdienenden bei Miete und Genossenschaftskapital etwa, der Hausladen «Konsumdepot», die Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsprojekt «Ortoloco», der Einsatz für das Quartier mit dem Engagement gegen das «Shoppingstadion» Hardturm, dazu Arbeitsgruppen zu allen möglichen Themen. Seit dem Bezug 2001 haben die rund 250 BewohnerInnen und rund 90 Gewerbetreibenden in der Siedlung sich organisiert, vieles aufgebaut, Feste gefeiert, aber auch feststellen müssen, dass die Anfangseuphorie und das damit verbundene grosse Engagement der BewohnerInnen nicht über Jahre anhalten kann.

Die Erfahrungen mit der Siedlung Hardturm sind in die zweite Kraftwerk1-Siedlung im Höngger Heizenholz eingeflossen. Hier hat die Genossenschaft 2008 im Baurecht ein Grundstück von der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime erworben. Die beiden bestehenden Gebäude wurden umgebaut und mit einem Erweiterungsbau in der Mitte sowie einer «Terrasse commune» zu einem Ganzen verbunden. Seit Anfang 2012 leben hier rund 85 Personen in 26 Wohneinheiten. Sie haben sich organisiert und ihr eigenes «Hausbuch» – beruhend auf den Statuten und der Charta von Kraftwerk1 – geschrieben.

Partizipation: aus Erfahrung lernen

Die Autorin Esther Spinner ist eine von ihnen; sie ist aus der Siedlung Hardturm ins Heizenholz umgezogen und war Co-Leiterin der partizipativen Begleitgruppe der Siedlung Heizenholz: «Die Begleitgruppe ist am Anfang als Inputgeberin für das neue Projekt sehr wichtig», schildert sie ihre Erfahrungen: «Dann wäre es besser zu pausieren, bis der Bezug näher rückt. Sonst gibt es zu viele Wechsel in der Gruppe, weil viele Leute nur mitmachen, um abzuklären, ob das Projekt ihrem Wohnbedarf entspricht. Für die Siedlung Zwicky-Areal sollte man den partizipativen Prozess überdenken.»

Denn bereits steht das nächste Projekt an. Nach dem Rückschlag mit dem Siedlungsprojekt Kulturpark am Turbinenplatz – die Kaufverhandlungen für das Areal wurden 2011 wegen «zu hoher finanzieller Risiken» abgebrochen – will die Genossenschaft auf dem ehemaligen Zwicky-Areal in Dübendorf als Teil einer grossen Überbauung 125 Wohneinheiten bauen. Geplanter Bezugstermin: 2015.

Entflechtung zwischen operativem und strategischem Bereich

Wachstum bedeutet auch immer Veränderung – darum haben sich Genossenschaftsführung und Geschäftsleitung mit dem Schritt vom Ein- zum Mehrsiedlungsprojekt stark verändert. «Zuordnungen und Zuständigkeiten sind klarer definiert», sagt Sebastian Hefti, im Genossenschaftsvorstand für Vorstandsmanagement und Kommunikation zuständig: «Seit 2001 gab es eine weitgehende Entflechtung zwischen dem operativen und dem strategischen Geschäft.»

Die Geschäftsstelle, im operativen Bereich tätig, wurde mit dem Wachstumsprozess ausgebaut und ist seit 2010 einem Geschäftsführer unterstellt. Mit dem Wachstum sind ausserdem Themen wie das Verhältnis der einzelnen Siedlungen zur gesamten Genossenschaft sowie Organisation und Autonomie der Siedlungen wichtig geworden. Der Vorstand hat einen Strategieprozess lanciert, um, wie Hefti sagt, «einen Kompass für die Genossenschaft für die nächsten zehn Jahre zu entwickeln».