•  Siedlung Hardturm, Gross WG

Kraftwerk1 Hardturm

Andreas Hofer

In der Immobilienkrise der 1990er-Jahre öffnete sich ein kurzes Zeitfenster, in dem die junge Genossenschaft Kraftwerk1 die Ratlosigkeit der Bauspekulanten nutzen konnte – um mit ihnen zusammen ein Experiment zu wagen. Mit ihren vielfältigen Wohnungstypen, ihrer ökologischen Bauweise und der Mitsprache der Bewohner_innen in der Planung setzte die erste Kraftwerk1-Siedlung Standards, die den heutigen Siedlungsbau in der Schweiz beeinflussen, und trug zur Renaissance der Zürcher Genossenschaftsbewegung bei.

Am 15. August 1998 beschloss die Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 an einer ausserordentlichen Generalversammlung, eine Vereinbarung mit der Oerlikon Bührle Immobilien AG (heute Allreal) zu unterzeichnen und auf dem Areal des Gestaltungsplans Hardturm West die Siedlung «KraftWerk1», die heutige Siedlung Hardturm, zu realisieren. Zuvor war es zu heftigen Diskussionen gekommen: «Es liegen zwei schriftliche Nein-Stimmen zum Standort Hardturm-West vor, mit der Begründung, dass dieses Areal nie Teil der Stadt werde und die Betreffenden keine Lust haben, auf einer "Insel" zu leben», steht im Vorstandsprotokoll vom 27.7.1998. Auch nach der Versammlung gab es noch kritische Stimmen zur Lage und zum Projekt.

Dicht und lebendig

Wer die Siedlung Hardturm an einem sonnigen Tag besucht, trifft im dichten Geviert auf eine lebendige Szenerie: Kunden frequentieren die Läden an der Hardturmstrasse, vor der Brasserie Bernoulli sitzen Gäste, in den Gassen kreuzen sich Lieferanten und Kindervelos, im hinteren Teil der Anlage spielen Kinder im Sand, und auf den Terrassen kümmern sich Bewohner_innen um die Pflanzen. Rund 170 Erwachsene und fast 80 Kinder und Jugendliche wohnen in der Siedlung. Ein Teil der fehlenden Quartierinfrastruktur musste allerdings selber aufgebaut werden: Restaurant, Coiffeur, Blumen- und Früchteladen, ein Konsumdepot mit Biogemüse und Öffnungszeiten in den Randstunden, die «Pantoffelbar» mit Getränken rund um die Uhr, ein Gästezimmer und ein grosser Gemeinschaftsraum mit Küche auf dem Dach. Die Siedlung Hardturm liegt im Trendquartier Zürich-West. Der Schiffbau am Turbinenplatz ist ein kulturelles Zentrum, Hochhäuser wachsen in den Himmel, Luxushotels entstehen, die Zürcher Hochschule der Künste legt ihre Standorte auf dem Toni-Areal zusammen. Es ist heute nur schwer vorstellbar, dass das Industriequartier noch vor wenigen Jahren eine verbotene Stadt jenseits der Hardbrücke war.

Krise als Chance

Während der mehrjährigen Suche nach einem geeigneten Areal wurde den Projektverantwortlichen im Genossenschaftsvorstand klar, dass das in der Broschüre «KraftWerk1» 1993 geforderte grosse städtebauliche Projekt in Zürich West konzeptionell richtig, in der Praxis jedoch kaum realisierbar war. Die Institutionen der Wohnbauförderung und die Banken schätzten das Risiko als zu gross ein. Die junge Genossenschaft hatte weder flüssige Mittel und noch besass sie bereits Häuser als Sicherheit. Die Idee, im Industriequartier Wohnungen zu bauen, galt als Phantasterei. Doch die Immobilienkrise und das Überangebot an Büroflächen zu Beginn der neunziger Jahre zwang die Grundeigentümer zu neuen Konzepten. Die Immobilien- und Baufirma Marti entwickelte auf dem heutigen Areal der Kraftwerk1-Siedlung Hardturm ein Projekt mit drei kleinen Bürogebäuden an der Hardturm- und Förrlibuckstrasse und einem mächtigen Block mit Kleinwohnungen für Bauarbeiter und Schichtarbeitende der nahen Logistikzentren von Coop und Migros. Dieses Projekt von Stücheli Architekten war 1995 die Grundlage eines Gestaltungsplans. Nach dem Zusammenbruch der Marti Bau AG ging das Grundstück an die Oerlikon Bührle Immobilien AG. Sowohl der Standort wie auch die riesige Gebäudetiefe des zentralen Wohnhauses von 20 Metern  verhinderten die weitere Entwicklung.

Ein enger Rahmen löst Kreativität aus

Als Kraftwerk1 mit Oerlikon Bührle Kontakt aufnahm, bot diese an, die Eignung des rechtskräftigen Gestaltungsplans für die Ideen von Kraftwerk1 zu überprüfen. Das Angebot, mit Kraftwerk1 einen letzten Versuch zu wagen, war die einzige Chance für das unkonventionelle Genossenschaftsprojekt. Stücheli Architekten zogen das junge Architekturbüro Bünzli Courvoisier bei und loteten die wohntypologischen Möglichkeiten aus. Grundlage war ein Pflichtenheft, das Kraftwerk1 erarbeitet hatte. Es enthielt bereits die Hauptmerkmale des späteren Projekts: ein breiter Mix von Wohnungstypen, die sich zu grösseren Einheiten koppeln liessen, Erschliessungshallen als Treffpunkte, reduzierte Parkplatzzahl, ökologische und Niedrigenergiebauweise, bescheidener Ausbaustandard. Eine wichtige Idee war die «Suite»: Mehrere Wohnungen sollten jeweils zu Gemeinschaften mit 20 bis 25 Menschen zusammengefasst sein.

1001 Wohnung

Das in engem Dialog erarbeitete Vorprojekt löste das Problem der grossen Gebäudetiefe im zentralen Haus mit typologischen Kniffen: Die Architekten mischten zwei Ideen, die sie nach deren berühmten Urhebern «Loos-Typ» und «Le-Corbusier-Typ» nannten: Damit möglichst viele Schlaf- und Wohnräume an der Fassade liegen konnten, platzierten sie Treppenhäuser, Flure, Küchen und Bäder im Hausinneren. Auf jedem dritten Geschoss führt ein Flur zu den Wohnungen – eine «rue intérieure», wie sie Le Corbusier für seine «Unités d'Habitation» entwickelt hat. An diesen «internen Strassen» liegen einstöckige Klein- sowie Maisonettewohnungen, die sich ein Geschoss nach oben oder nach unten ausdehnen. In diesen Gebäudeteil eingeschoben und mit ihm verwoben ist der Loos-Typ: Hier liegen auf der einen Hausseite drei überhohe Geschosse mit Wohnräumen; sie sind über kurze interne Treppen mit vier Zimmergeschossen auf der anderen Hausseite verbunden. Dieses architektonische Konzept ermöglichte mit einfachen Durchbrüchen und Verbindungen von übereinander liegenden Wohnungen einen unglaublichen Reichtum an Wohnungstypen.

Gemischte Gemeinschaft

Ende 1998 reichte die Genossenschaft das Baugesuch ein, Mitte 1999 begann der Bau, und im Sommer 2001 zogen die MieterInnen ein. Die Anlagekosten inklusive Land für die drei Wohnhäuser und das Gewerbe- und Bürohaus an der Hardturmstrasse betrugen 50 Millionen Franken. Die Siedlung war von Anfang an voll vermietet. Ein Haus mit 20 der total 100 Wohnungen erwarb die Stiftung zur Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen der Stadt Zürich (PWG). Zusammen mit der Stiftung Altried wurden zwei Wohnungen für Behinderte eingerichtet, und einige von der Stiftung Domicil vermietete Wohnungen sind für ausländische Familien mit vielen Kindern reserviert. Von Beginn weg war die Siedlung sozial und altersmässig stark durchmischt; der breite Wohnungsmix zog unterschiedlichste Menschen an.

Reden, mitreden, erfinden

Kraftwerk1 ist aus kritischen Diskussionen über die Stadtentwicklung entstanden. Diskussion und Mitbestimmung waren auch bei der Planung der ersten Siedlung wichtig. Mitgliedergruppen haben ökologische Standards, Betriebskonzepte und gemeinschaftliche Aktivitäten im Dialog unter sich und mit den gewählten Genossenschaftsgremien entwickelt. Das war aufwändig, bereicherte aber das Alltagsleben und bescherte der Genossenschaft einen Genpool an Ideen, der bis heute ihre Bauprojekte bereichert. Kraftwerk1 hat Pionierarbeit im nachhaltigen Bauen geleistet und bewiesen, dass sich mit integrativen Konzepten auch an unwirtlichen Standorten hohe Lebensqualität schaffen lässt. Kraftwerk1 hat damit zur Renaissance der traditionsreichen Zürcher Genossenschaftsbewegung beigetragen.

Projektbeteiligte

Projektleitung Kraftwerk1 Andreas Hofer, Andreas Wirz, Dominique Marchand
Totalunternehmerin Allreal AG
Architektur Stücheli Architekten mit Bünzli Courvoisier
Landschaftsarchitektur Ryffel + Ryffel

Wohnungsspiegel

Anz.WohnungstypFläche
7 1-Zimmer-Atelierwohnungen 70 - 90 m2
6 2.5-Zimmerwohnungen 49 - 75 m2
16 3.5-Zimmerwohnungen 74 - 96 m2
20 4.5-Zimmerwohnungen 92 - 103 m2
15 5.5-Zimmerwohnungen 125 - 144 m2
9 6.5-Zimmerwohnungen 122 - 141 m2
3 7.5-Zimmerwohnungen 130 - 180 m2
1 8.5-Zi Wohngemeinschaft 239 m2
1 9.5-Zi Wohngemeinschaft 249 m2
2 12.5-Zi Wohngemeinschaften 273 m2
1 13.5-Zi Wohngemeinschaft 273 m2
81 Wohnungen total


Objektdaten

KenndatenAngaben
Grundstücksgrösse 6'700 m2
Hauptnutzfläche (SIA 416) 11'866 m2
Fläche Wohnen  9'251 m2
Fläche Gewerbe  2'440 m2
Fläche Gemeinschaftsräume  175 m2
Beanspruchte Fläche / Person  35 m2
Anlagekosten 45 Mio CHF
Energiestandard Minergie