•  Kutlurpark, Modell
  •  Kulturpark, Areal

Das Siedlungsprojekt Kulturpark

Andreas Hofer 

Die Kraftwerk1-Siedlung Kulturpark wird es nie geben. Das Projekt zwischen Turbinenplatz und Pfingstweidstrasse wollte gemeinschaftliche Wohnformen, kulturelle Projekte, Büro- und Atelierflächen in einem Leuchtturmprojekt der Nachhaltigkeit kombinieren. Das mit externen Partnern und viel Engagement entwickelte Wohn-, Kultur- und Geschäftshaus war vielversprechend – aber die Planung war komplex. 2011 wurde das Risiko für die Genossenschaft zu gross und sie stieg aus.

1993 erschien die Broschüre «KraftWerk1 – Projekt für das Sulzer-Escher Wyss Areal». Die Autoren P.M., Martin Blum und Andreas Hofer schlugen darin vor, im südlichen Bereich des Escher-Wyss-Areals das «KraftWerk1» zu bauen. Soeben war der Technopark als erste Transformation dieses Fabrikareals eröffnet worden. Die Firma Sulzer-Escher-Wyss handelte mit der Stadt Zürich einen Gestaltungsplan aus, der 1995 in Kraft trat. Der Gestaltungsplan sollte die Industrie in den zentralen Bereichen sichern und nicht mehr benötigte Flächen für «industrienahe» Dienstleistungs- und Gewerbeflächen freispielen; in den Randbereichen sah er Mischnutzungen und Wohnungen vor. Sulzer-Escher-Wyss erhoffte sich davon eine Vernetzung mit kleinen Betrieben als technologische Stimulation und wollte mit dem Erlös aus Landverkäufen den Produktionsstandort Zürich sichern. «Industrie der Zukunft» lautete der Slogan.

Die Kernstadt wird zu teuer

Doch die Umgestaltung des äusseren Kreis 5, zu der auch die unterdessen an der Hardturmstrasse gebaute Kraftwerk1-Siedlung Hardturm beitrug, überholte diese Pläne mit Wucht. Die Bodenpreise stiegen, Zürich West wurde zum Trendquartier und zum Immobilien-Eldorado. Als Kraftwerk1 ab 2006 Land für neue Projekte zu suchen begann, wurde bald klar, dass sich in der Nähe ihrer ersten Siedlung kaum mehr preisgünstiger Wohnraum realisieren liess und Standorte in einem grösseren Radius gesucht werden mussten. Umso erfreulicher dann die Einladung, auf dem einst für «KraftWerk1» vorgeschlagenen Baufeld eine Siedlung zu realisieren.

Vom Holzhandel zur Nachhaltigkeit

Die Holzimportfirma Hartwag hatte ihren Sitz an der Ecke Hard-/Pfingstweidstrasse und ihr Lager auf der anderen Seite der Hardstrasse. Ihren Geschäftsführer Martin Seiz hatte der Holzhandel für die sozialen und ökologischen Folgen unseres wirtschaftlichen Tuns sensibilisiert. 1989 gründete er die Hamasil Stiftung und schärfte ihr Profil nach und nach in Richtung Nachhaltigkeit. Nach der Verlagerung des Betriebs ins Furttal und der Übergabe der Geschäftsleitung an seinen Sohn konzentrierte sich Seiz ab 1998 auf die Stiftung und die Immobilien an der Pfingstweidstrasse.

Ein Kulturpark für Geist, Kultur und Gesellschaft

Von Coop kaufte Seiz die ehemalige Bananenreiferei mit dem Restaurant Les Halles und von Sulzer-Escher-Wyss ein anschliessendes Grundstück zwischen Pfingstweid- und Schiffbaustrasse. Fasziniert vom Wandel in Zürich West und getrieben vom Wunsch, an diesem Standort einen Beitrag zur Nachhaltigkeit zu leisten, entwickelte er das Konzept für den «Kulturpark»: Während der Technopark technische und naturwissenschaftliche Startups fördert, soll der Kulturpark geistigen und musischen Aspekten Raum bieten und die Gesellschaft für soziale Aspekte der Nachhaltigkeit sensibilisieren. In jahrelangen konzeptionellen Vorarbeiten und den nötigen planerischen Prozessen schuf die Hamasil Stiftung die Grundlagen für eine Überbauung, die exemplarisch Wohnen, Arbeiten und Kultur verbinden und den Nachhaltigkeitsgedanken mit einer Schulungs-, Ausstellungs- und Seminarinfrastruktur nach aussen tragen sollte – ein anspruchsvolles Projekt auf einem komplexen Grundstück.

Drei Partner, schöne Synergien, komplexe Schnittstellen

2009 lud die Hamasil Stiftung die Genossenschaft Kraftwerk1 ein, den Wohnteil des Kulturparks zu realisieren. Mit der katholischen Paulus Akademie war bald ein Partner gefunden, der die Seminarinfrastruktur an der lauten Pfingstweidstrasse bauen wollte. Für die Siedlung blieben attraktive Flächen für etwa 50 Wohneinheiten am Turbinenplatz und an der Schiffbaustrasse. Die GenossenschafterInnen nahmen das Projekt als Chance wahr. Ältere Mitglieder erarbeiteten Konzepte für Kleinhaushalte, die sich Infrastruktur, Gewerbe- und Kulturräume teilen sollten, jüngere entwickelten Ideen für Grosshaushalte und Gästezimmer für Kulturschaffende. Die vielen Ideen sprengten fast den Rahmen des Projekts.

Super-Piano-Nobile am Turbinenplatz

Kraftwerk1 schrieb unter fünf eingeladenen Architekturbüros einen anonymen Studienauftrag aus, den Stücheli Architekten 2010 für sich entschieden. Sie schlugen eine einfache, aber flexible Struktur vor mit Gemeinschaftsräumen und Gäste-Infrastruktur in einem «Super-Piano-Nobile» im fünften Stock. Ähnlich wie schon bei der Siedlung Hardturm ermöglichte eine in der Mitte des Gebäudes konzentrierte Erschliessungs- und Versorgungsstruktur eine freie Zuteilung der an der Fassade liegenden Zimmer. Die Weiterentwicklung der Typologie berücksichtigte das Bedürfnis nach kleineren Wohnungen, die sich um halböffentliche Bereiche gruppieren. Die Abgrenzung zwischen den Wohnungen und die Grenze zwischen Wohnung und Hausgemeinschaft sollten weicher werden. Reduits wurden so platziert und dimensioniert, dass sie sich für den Einbau interner Treppen eigneten, damit sich Wohnungen über mehrere Geschosse verbinden liessen.

Zu viel Risiko – und ein schwerer Abschied

Gegen Ende 2010 häuften sich aber die Probleme: Schwierige planerische Rahmenbedingungen, hohe Ansprüche des Landverkäufers und die hohe Dichte, die zwar Synergien zwischen den Beteiligten ermöglichte, aber auch Konfliktpotenzial barg, behinderten die Projektentwicklung. Die Begeisterung der Basis löste bei den Verantwortlichen grosse Energien aus. Sie versuchten, mit Juristen das widersprüchliche Gestrüpp zu lichten und scheiterten schliesslich doch. Die Risiken wurden zu gross für die junge Genossenschaft, und sie musste aufgeben. Während sich der finanzielle Schaden in Grenzen hielt, war es ein schwieriger Prozess, den GenossenschafterInnen den Abschied von diesem vielversprechenden Projekt zu erklären. Die Hamasil Stiftung will nun den Wohnteil selber bauen, 2012 reichten sie und die Paulus Akademie das Baugesuch ein.